Der kleine bunte Vogel, der aus dem Paradies auszog

Heute gibt es wieder Mal einen etwas anderen Blogbeitrag. Immer wenn ich lange überlegen muss, was ich schreiben möchte und mir nichts einfallen will, wenn es sich schwer und sperrig anfühlt verbinde ich mich noch intensiver mit meiner Seele. Frage sie, was geschrieben und geteilt werden möchte. Die Antworten fallen jedes Mal etwas anders aus.

Heute streifte mein Blick einen kleinen Vogel, der auf dem Fensterbrett steht. Wir haben ihn vor einigen Jahren von einem Geschäftskollegen geschenkt bekommen. Er schaut mich immer so verschmitzt an, er ist aus einem Edelstein geformt. So entstand die Geschichte mit dem kleinen bunten Vogel.

Ich wünsche dir ganz viel Freude mit der kleinen Geschichte.

Es war einmal…

Es war einmal ein kleiner bunter Vogel, der so schön sang. Sein Lied klang so lieblich und gleichzeitig kraftvoll. Sein Gefieder war durchzogen mit den schönsten Farben, es glitzerte und funkelte im Sonnenlicht.

Er lebte an einem kleinen Fluss, sein Ufer war bewachsen mit den seltensten schönsten Pflanzen, die du dir nur vorstellen kannst. Es gab genügend Nahrung für den kleinen Vogel. Beeren, Samen, alles war für den kleinen Vogel vorhanden. Er brauchte sich nicht anstrengen, es war alles in Hülle und Fülle da. Es war das Paradies für den kleinen Vogel.

Es war so schön, dass alle anderen Vögel ihn beneideten. Als der kleine Vogel das bemerkte wurde er traurig. Er spürte, dass die anderen Vögel ihn ausgrenzten. Sie konnten mit seiner Schönheit nichts anfangen. Er war einfach anders als die anderen. Er hatte immer so ein Leuchten um seinen Körper, er strahlte regelrecht bei Tag und bei Nacht.

Mit der Zeit konnte er seine Schönheit nicht mehr ertragen. Er fand sein Anderssein nur noch anstrengend. Er wollte so sein wie die anderen, er wollte dazu gehören. Er wollte dabei sein bei den Unternehmungen der anderen Vögel. Er fühlte sich ausgestoßen, alleine, die Phasen der Trauer kamen immer stärker.

Was war nur los?

Warum war er so anders?

Woher kam er?

Diese Fragen tauchten jeden Tag auf. Er wusste keine Antwort auf seine Fragen. Er zog sich mehr und mehr zurück in seinen kleinen paradiesischen Bereich. Auch hier wurde er gemieden. Die andern Vögel lebten an dem Teil des Flusses der schmutzig war, sie ließen sich von den Menschen füttern, sie erkannten das Paradies nicht. Sie fühlten sich in ihrem Bereich wohl. Sie konnten auch nicht verstehen, warum der kleine Vogel sich dort zurückzog.

Einerseits war es für den kleinen Vogel wirklich das Paradies, er genoss es so zu leben. Diese Freiheit, diese Schönheit und diese Verbundenheit. Doch je älter er wurde, vermisste er Etwas. Dieses Etwas konnte er nicht benennen. Es war einfach da, er spürte es in seinem kleinen Vogelherz. Besonders wenn die dunklere Jahreszeit kam fühlte er sich einsam und alleine.

Er überlegte, ob es sinnvoll wäre einfach umzuziehen, sein Paradies zu verlassen und zu den anderen Vögeln zu ziehen. Er wollte es für ein paar Tage ausprobieren. Er wollte dieses Etwas, dass ihn so traurig werden ließ entdecken.

Auszug aus dem Paradies

Also zog er zu den anderen Vögeln. Er richtete sich auf einem schönen großen Baum ein. Kaum hatte er sich gemütlich eingerichtet, kam ein großer schwarzer Vogel vorbei und krähte ihn böse an: “Was willst du hier? Du passt nicht hierher, verschwinde wieder”. Der kleine Vogel zog sich erschrocken zusammen, machte sich noch kleiner, als er schon war. Schnell suchte er sich eine andere Behausung. Er verkroch sich in einem Gebüsch. Dort würde er so schnell nicht entdeckt werden.

Hier blieb er einige Stunden, die Nacht brach an und wieder kam dieses Etwas. Es fühlte sich jetzt noch schlimmer an. Er zitterte am ganzen Körper, er hatte Angst. Angst entdeckt zu werden, Angst vor der Dunkelheit. Angst, dass er es nicht aushalten würde bis am nächsten Morgen.

Jetzt war dieses Etwas ganz deutlich zu spüren, mit jedem Atemzug, den er nahm, kroch es näher. Die Angst, die Einsamkeit, die Traurigkeit. Er wollte nicht mehr alleine sein, koste es was es wolle. Er wollte dazu gehören. Aber nicht um jeden Preis. Was nützte ihm das tollste Paradies, wenn er diese Schönheit alleine genießen soll? Er brauchte jemanden, der ihn begleitet, der ihn unterstützte, der ihn verstand, mit dem er gemeinsam genießen konnte.

Jetzt wo er dieses Etwas klarer definieren konnte, jetzt wo es sich mehr und mehr zu einem Bild formte, wurde es ihm leichter. Die Schwere löste sich langsam, machte einer Klarheit Platz. Auch wenn es nur ein kleiner Lichtblick war, es reichte, damit der kleine Vogel wieder lächeln konnte. Es war ein verschmitztes Lächeln, ja er wird auf die Suche gehen, ja er wird jemanden finden. Er war sich ganz sicher. Das gab ihm Kraft und Vertrauen. Nun ahnte er, warum er so traurig war.

Nach dieser Erkenntnis schlief der kleine Vogel rasch ein und wachte erst spät auf. Er wollte auf jeden Fall hier bleiben und sich nicht mehr verjagen lassen. Er wollte sehen, wie die anderen Vögel leben.

Er begann mit seinem Morgengesang, wie jeden Morgen begrüßte er mit seinem lieblichen Gesang den Tag, dankte für die wundersamen Gaben, die er von der Natur erhielt. Erst dann wollte er auf Nahrungssuche gehen. Leider war das nicht so einfach, wie er es von seinem Paradies gewohnt war. Er fand kaum etwas, keine Beeren, keine Samen. Alles war grau und leer.

Da traf er einen kleinen grauen Vogel, der ihn neugierig musterte. “Wer bist du? Was machst du hier? Ich habe dich hier noch nie gesehen” fragte er. “Ich möchte eine Weile hier bleiben, ich suche Etwas, das meine Einsamkeit und Traurigkeit mit mir teilt. Da wo ich herkomme gibt es niemanden, ich lebe alleine. Jetzt möchte ich Etwas, dass mich begleitet.”

Der graue Vogel lachte schallend. “Ach du suchst eine Frau. Da kann ich dir helfen. Bei uns gibt es eine Menge davon.”

Der bunte Vogel wurde ganz verlegen. Er hatte aus seinem Versteck beobachtet wie zwei Vögel aneinander gekuschelt waren. Das fühlte sich so schön an. Ja genauso wollte er es auch erleben. Ja, dann sucht er eben eine Frau.

Der graue Vogel war von da an der Freund des bunten Vogels. Er war nicht verwundert über das andere Aussehen, er nahm ihn einfach wie er war. Die beiden hatten viel Spaß zusammen. Der graue Vogel zeigte die Stellen, wo sie von den Menschen Futter erhielten, machte ihn mit den anderen Vögel bekannt. Auch wenn die meisten sehr zurückhaltend waren, sie ließen den bunten Vogel bei ihnen wohnen, ließen ihn teilhaben an ihrem Leben. Aber nur weil der graue Vogel es als selbstverständlich ansah.

Mit der Zeit gehörte der bunte Vogel zwar nicht unbedingt dazu, aber er war geduldet. Er hatte einen Freund, dieses Etwas verblasste, seine Traurigkeit, seine Einsamkeit verschwanden. Doch es blieb trotzdem etwas zurück. Tief in seinem Herzen spürte er eine Sehnsucht. Er vermisste sein Paradies. Da wo alles so schön war, die herrlichen Pflanzen, das frische Wasser, die klare Luft, er vermisste sein Zuhause.

Da kam wieder diese Trauer, die er schon kannte. Nun hatte er zwar einen Freund, war unter Tieren und doch war er traurig. Er verstand die Welt nicht mehr. Er erzählte es seinem Freund, dem grauen Vogel. Der graue Vogel war sehr klug, er runzelte die Stirn, dachte eine Weile nach. Dann lachte er und meinte: “Wir suchen dir eine Frau, die dich in dein Paradies begleitet. Es ist bestimmt möglich, dass du beides haben kannst. Dein Paradies und Freunde.”  Gesagt getan.

Der graue Vogel ging auf die Suche, stellte ihm einige Vogelfrauen vor. Doch jedes Mal, wenn der bunte Vogel von seinem Paradies erzählte, erstarrten die Vogelfrauen und weg waren sie. Keine wollte den bunten Vogel begleiten, wollte mit ihm in sein Paradies ziehen. Sie wollten in der gewohnten Gemeinschaft bleiben. Es reichte ja schon, dass der bunte Vogel so anders aussah.

Nach vielen Wochen gab der bunte Vogel auf. Er wollte nicht länger suchen, scheinbar gab es keine Frau, die mit ihm ins Paradies wollte. Er wollte wieder zurück in sein Paradies. Seine Sehnsucht wurde mit jedem Tag stärker.

Sein Freund der graue Vogel wollte ihn begleiten, wollte sehen, ob das Paradies wirklich so schön war, wie der bunte Vogel es beschrieben hatte. Und so flogen sie los.

Zurück im Paradies

Nach einer langen Reise waren sie im Paradies des bunten Vogels gelandet. Der graue Vogel staunte nicht schlecht, das Paradies war um vieles prächtiger, wie es beschrieben wurde. Es war wirklich traumhaft schön, alles war da, es leuchtete und strahlte mehr den je.

Der graue Vogel konnte nicht verstehen, warum niemand hierher möchte. Er wollte bleiben, er wollte einige Zeit im Paradies bleiben und es noch besser erkunden und kennen lernen.

Nach einer Erkundungsreise brachte der graue Vogel eine Neuigkeit mit. Er hatte eine Überraschung für den bunten Vogel. Er nahm den bunten Vogel mit an einen Platz im Paradies, hier war der bunte Vogel noch nie gewesen.

Und was für eine Überraschung, hier lebten viele bunte Vögel, die genauso aussahen wie er. Die genauso strahlten und leuchteten wie er. Er fasste es nicht.

Wo kamen diese Vögel her?

Warum hatte er sie nie gesehen?

Die ganze Zeit waren sie da, doch er hatte sie nie entdeckt. Er war so mit seiner Einsamkeit und Traurigkeit beschäftigt, dass er nie auf die Idee kam in seinem Paradies zu suchen – es zu erkunden. Er suchte im Außen, er wollte sogar sein Paradies aufgeben, damit er genauso war wie die anderen Vögel.

Er schämte sich, er wurde ganz klein. Der graue Vogel bemerkte es und ließ wieder sein bekanntes Lachen ertönen. Er lachte und lachte und sagte: “Na jetzt finden wir auch eine Frau für dich, jetzt bist du nicht mehr alleine. Du kannst in deinem Paradies bleiben. Ja und ich bleibe auch. Hier ist es so wunderschön und vielleicht gründe ich auch eine Familie” meinte er verschmitzt. Natürlich nur, wenn ihr mich mögt, ich bin ja etwas anders als ihr alle.

Der graue Vogel blieb der beste Freund des bunten Vogels, wurde aufgenommen und geliebt, auch wenn er so ganz anders aussah. Ja und wenn sie nicht gestorben sind leben sie noch heute gemeinsam in ihrem wunderschönen Paradies.

Zu guter Letzt…

Ich liebe es kleine Geschichten zu schreiben, einfach loszuschreiben, mich dem Flow hinzugeben, nicht zu überlegen. So macht das Schreiben Freude, so kann ich mich dem natürlichen Schreiben öffnen und fließen lassen.

In meinen Geschichten sind die Tiere die Hauptdarsteller. Ich finde es schön, die Tiere zu Wort kommen zu lassen. Sie sind unsere Begleiter und wir können so viel von ihnen lernen.

Wenn du noch mehr von meinen Geschichten haben möchtest, wunderbar, dann schau hier:

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Herzliche Grüße

Marianne

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4 Kommentare

  1. Claudia (Elisa)

    Liebe Marianne,
    Vielen Dank für die schöne und berührende Geschichte!
    Meine inneren Kinder haben sich auch sehr gefreut, sie zu lesen. :-)
    Herzliche Grüße, Claudia

    • Marianne Hauser

      Hallo liebe Claudia,

      das freut mich, dass dir und deinen inneren Kindern meine kleine Geschichte gefallen hat. Manchmal wollen meine inneren Kinder einfach eine schöne Geschichte hören und sie möchten, dass sie aufgeschrieben wird und ich sie teile ;-) Mir hat es auf jeden Fall ganz viel Spass bereitet.

      Alles Liebe dir!
      Marianne

  2. Wow Marianne, ich bin per Zufall auf deine Seite und diese Geschichte gestossen und sie berührt micht total. Genau was ich heute brauchte. Ich danke dir von Herzen für diese Erinnerung.

    • Marianne Hauser

      Liebe Jessica,

      prima, das freut mich sehr, dass dich meine Geschichte an etwas erinnert hat. Ja und schön, dass du zu mir geführt worden bist.

      Alles Liebe dir!
      Marianne

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