Das kleine rosa Drachenmädchen Teil II

Die letzten Tage habe ich mir überlegt, was ich dieses Jahr als Abschluss des Jahres teilen möchte. Wie jedes Jahr möchte ich auch dieses Jahr ein kleines Geschenk weitergeben an meine Leser und Leserinnen von meinem Blog.

Vielleicht hast du schon mitbekommen, dass ich sehr gerne Geschichten schreibe. In meinen Geschichten kommen meistens Tiere vor. Vor vielen Jahren habe ich meinen Kindern und Enkeln frei erfundene Geschichten erzählt. Irgendwann kam mir die Idee, die Geschichten aufzuschreiben und sie auf meinem Blog zu teilen.

Ich finde es gerade in der jetzigen herausfordernden Zeit wunderschön sich auf Geschichten einzulassen, die uns in eine andere Welt mitnehmen. In eine Welt, wo noch Magie und Wunder geschehen, wo wir erkennen können, es gibt noch mehr, als die sichtbare Welt, wo es meistens nur um das Funktionieren geht. Wo noch so viel Kampf, Funktionieren, Neid… herrscht.

Die Geschichte vom rosa Drachenmädchen habe ich im Jahr 2016 begonnen zu schreiben und es gibt einen ersten Teil auf meinem Blog. Heute möchte die Geschichte weitererzählt werden.

Es war einmal…

Es war einmal ein kleines rosa Drachenmädchen, das in einem Körbchen vor die Tür zu liebevollen Menschen gelegt wurde. In der ersten Geschichte möchte es erfahren, warum es keinen Namen hatte, nur rosa Drachenmädchen hieß. Es wollte wissen, warum es so anders aussah, als seine Eltern, Geschwister und Freunde. Mit all diesen Fragen wurde sie in die Höhle zu einem alten weisen Mann geschickt.

Der alte weise Mann erzählte ihr viele Geschichten und gab ihr drei Schatullen, wo sie eine aussuchen sollte, eine Schatulle sollte Antworten auf all ihre Fragen in sich tragen. Ja und so war es auch, das rosa Drachenmädchen erhielt ein Amulett mit dem Bild ihrer wahren Eltern, sie fand einen Zettel mit ihrem Namen und sie bekam ein Büchlein mit handgeschriebenen Notizen und Bildern. Nun wusste das rosa Drachenmädchen, dass ihr wahrer Name Rosella war. Endlich hatte sie einen Namen und über ihre Herkunft stand einiges in dem Büchlein.

Rosella war so glücklich und beschwingt, als sie all das in der Höhle des alten weisen Mannes erfahren hatte. Sie spürte tief in ihr etwas ganz Warmes in ihrem kleinen Herzlein. Sie spürte, sie war kein exotisches Drachenmädchen, dass so anders aussah, sondern sie hatte Eltern, die genauso aussahen, wie sie.

Sie liebte die beiden Menschen, die sie so liebevoll aufgenommen hatten, die beiden, die ihre Eltern sind, die sie umsorgen und genauso lieben wie ihre beiden anderen Kinder, Mette und Felix. Felix war vier Jahre älter und Mette zwei Jahre älter als sie. Sie waren eine rundum glückliche Familie. Dennoch fragte sie sich manchmal, warum sie so anders aussah, warum sie rosa und nicht grün oder braun war.

Jetzt hielt sie das kleine Büchlein in den Händen, darin stand fein säuberlich handgeschrieben ihre Geschichte. Rosella drückte das Büchlein an sich, sie wollte es später lesen. Jetzt war sie erst Mal nur glücklich ihren Namen zu kennen. Rosella, wie wundervoll das klang. Sie wiederholte ihren Namen mehrmals hintereinander.

Als sie bei ihrer Familie ankam, erzählte sie die Erlebnisse in der Höhle des alten weisen Mannes. Ihre Eltern und Geschwister freuten sich so sehr mit Rosella. Es klang noch etwas seltsam, wenn sie ihren wahren Namen hörte, doch mit der Zeit gab es nur noch Rosella.

Die Zeit verging, Rosella kam in die Schule und niemand erinnerte sich mehr an das rosa Drachenmädchen, sie hieß jetzt Rosella und hatte Eltern, die auch rosa waren. Rosella zeigte immer wieder das Bild im Amulett.

So hätte es immer weiter gehen können, Rosella war glücklich, wenn da nicht das kleine Büchlein gewesen wäre. Sie hatte es total vergessen, es lag in der untersten Schublade ihrer Kommode. Sie hatte es damals hineingelegt, als sie es von dem alten weisen Mann erhalten hatte. Als sie etwas suchte, hielt sie das Büchlein wieder in den Händen. War es nun an der Zeit es zu lesen, die Bilder anzuschauen? Sie nahm das Büchlein mit und setzte sich an ihren Lieblingsplatz unter einen Apfelbaum, seine Äste reichten bis zur Erde. Es war Sommer und Rosella setzte sich unter den Baum in das warme Gras. Sie lehnte sich an den Stamm des Apfelbaumes und schlug mit zitternden Händen das Büchlein auf und begann zu lesen.

Das Büchlein und die wahre Geschichte

“Liebe Rossella, wenn du dieses Büchlein in deinen Händen hältst, weißt du, dass du ein Findelkind bist. Du hast jetzt auch deinen wahren Namen erfahren. Nun möchten wir dir noch mehr über uns und dich erzählen.

Wir, deine Eltern haben dich sehr lieb. Wenn du diese Zeilen liest, sind wir dir ganz nahe. Wir kommen aus einem anderen Land, ein Land, wo alle Drachen rosa sind, alle haben dieselbe rosa Farbe. Ein Land, wo es wunderschön ist, es gibt herrliche Berge, klare Flüsse, Seen, mit warmen Wasser, Bäume, die uralt und riesig sind, Wälder, die unendlich erscheinen. Wir würden sagen, es ist paradiesisch. Wir lebten viele Jahre in dem rosa Land. Dein Vater und ich hatten, dieselben Vorlieben, wir wanderten gerne, badeten in eiskalten Flüssen, wohnten in einem kleinen Holzhaus inmitten eines kleinen Wäldchens. Alles hätte so schön sein können. Wenn, ja jetzt kommt das wenn.

Eines Tages kamen Menschen, die eine andere Hautfarbe hatten in das rosa Land. Sie sahen die Schätze des Landes und versprachen uns viel Geld, wenn sie einiges davon bekamen. Sie wollten einige Bäume abholzen, wollten Häuser bauen, wollten so viel von unserem rosa Land haben. Sie konnten ganz wunderbar erzählen, brachten so viel Neues, unbekanntes mit. Es war wie ein fremder Zauber, der sich über unser rosa Land legte. Alles geschah so schnell, viele folgten einfach diesem fremden Zauber. Immer mehr Bäume wurden gefällt, die Flüsse begradigt, ganze Parzellen mit riesigen Häusern entstanden. Aus unseren kleinen Dörfern wurden Städte.

Auch dein Vater und ich verkauften unseren Wald, das glitzernde Geld hatte uns verblendet. Aus unserem rosa Land wurde ein dunkles Land. Als wir spürten, dass die Freude und Begeisterung langsam mehr und mehr auszog, war es schon zu spät. Wir waren unglücklich, wir sahen, dass wir einen großen Fehler gemacht hatten. Wir haben unser geliebtes rosa Land verkauft. Alles Geld konnte es uns nicht mehr zurückbringen.

Als uns dies bewusst wurde, warst du gerade einige Wochen alt. Wir haben uns so sehr über dich gefreut, du warst unser Lichtblick in all dieser tristen Phase. Gleichsam spürten wir, dass wir nicht wollten, dass du hier aufwächst, dass du in diesem dunklen Land, wo so viel Leid, Missgunst, Neid und Kampf herrschte, groß wirst. Klar wir hätten mit dir in ein anderes Land ziehen können, doch das wollten wir nicht. Wir fühlten uns verpflichtet hier zu bleiben. Wir wollten uns tief in den Wald zurückziehen, einen Flecken suchen, der noch unberührt, frei und natürlich ist, wollten neu beginnen und unser rosa Land neu erschaffen. Gleichsam wollten wir nicht, dass du in dieser Einsamkeit so karg aufwachsen solltest. Das war kein Leben für ein kleines Baby.

Wir wussten keinen Ausweg, bis wir eines Tages bei einer Wanderung durch den Wald auf eine alte Frau trafen. Sie war mit einem Korb unterwegs, sie suchte Beeren, Pilze und Kräuter. Sie schaute uns mit warmen und wachen Augen an, lud uns in ihre kleine Holzhütte ein. Wir tranken von ihrem wunderbaren Kräutertee, aßen leckeres Gebäck und erzählten von uns. Sie hörte aufmerksam zu. Nach einer Weile, als wir alles erzählt hatten, nickte sie verständnisvoll. Lange war es ganz still in der Hütte, bis sie zu sprechen begann. Wisst ihr, manchmal ist es besser etwas in Liebe loszulassen, als sich über viele Jahre Sorgen zu machen. Wenn ihr eurem kleinen Mädchen helfen möchtet, dass es ein Leben mit vielen andern Menschen führen darf, dann gibt es bestimmt eine Lösung. Eine Lösung, die für euch, für die Kleine und alle passt. Wenn ihr so weit seid, könnt ihr gerne nochmal zu mir kommen, dann helfe ich euch weiter. Sie lächelte weise und uns wurde es ganz warm ums Herz.

Einige Tage später waren wir wieder bei der Alten in der Hütte. Ja nun waren wir uns sicher, wir wollten, dass unsere Kleine inmitten von einer großen Familie aufwuchs, mit vielen anderen Menschen. Die Alte nahm unsere kleine Rosella, so hieß sie, auf den Arm wiegte sie sachte und segnete sie, indem sie ihr ein Kreuz auf die Stirn zeichnete.

Die Alte gab uns einen kleinen Zettel mit einer Zeichnung. Wir sollten nach dieser Beschreibung dem Weg folgen und dort zu einer Höhle gelangen, wo ein alter weiser Mann wohnte. Dorthin sollten wir mit Rosella gehen. Der alte weise Mann kennt die neuen Eltern von Rosella und sagt uns, welche Vorbereitungen wir treffen sollen.

Wir machten uns auf den Weg zu dem alten weisen Mann. Nach einigen Stunden kamen wir an der Höhle an. Als wir eintraten, wurden wir schon empfangen. Der alte weise Mann umarmte uns und meinte, schön, dass ihr da seid, ich habe euch schon erwartet. Er nahm Rosella in seine Arme, wiegte sie und sang ihr ein Lied vor.

Wir blieben einige Tage bei dem alten weisen Mann in der Höhle. Er gab uns eine Schatulle, in die wir alles über Rosella hineinlegten. Zuerst bat er uns, auf einen Zettel ihrem Namen zu schreiben. Als Nächstes gab er uns ein wunderschönes Amulett aus feinstem Gold, darin legten wir ein Bild von uns Eltern. Als Letztes reichte er uns ein kleines Büchlein und einen Füller mit rosa Tinte. Wir sollten alles über uns und Rosella in das Büchlein schreiben. Es war so wohltuend bei dem alten weisen Mann in der Höhle zu sein. Es brannte immer ein wärmendes Feuer in der Ecke. Die Gespräche mit dem alten weisen Mann waren so herzerwärmend, bereichernd und gütig. Eine tröstliche Stimmung umfing uns in der Höhle.

Nach einigen Tagen war so weit, wir waren mit dem Büchlein fertig, alles, was wir Rosella erzählen wollten, war niedergeschrieben, dazu hatten wir noch einige Bilder von unserem ursprünglichen rosa Land eingeklebt. Rosella sollte sehen, wie unser Land mal ausgesehen hatte. Der weise alte Mann legte alles in eine weiße Schatulle, die mit roten Rosenblättern verziert war. Eines Tages wird Rosella hier herkommen und ich gebe ihr die Schatulle, sagte der alte weise Mann.

Der alte weise Mann setzte sich mit uns, vor das Feuer, nahm einen großen weißen Stein aus einem Lederbeutel. Er reichte uns den Stein und wir schauten hinein. Wir sahen darin ein Haus mit einem Mann und einer Frau mit zwei Kindern. Sie lachten, hatten Spaß, das ganze Haus war erfüllt mit so viel Heiterkeit, Frieden und Glück. Zu dieser Familie durfte Rosella. Das fühlte sich so stimmig an.

Am nächsten Tag legten wir Rosella in dem Körbchen vor der Tür der Familie ab. Tiefe Trauer erfüllte uns als wir wieder zurückkehrten in unser Land. Wir wussten, wir hatten die richtige Entscheidung für Rosella getroffen. Wir trugen sie fortan in unseren Herzen und immer wenn wir mehr von Rosella erfahren wollten, wenn wir ihr ganz nahe sein wollten, nahmen wir den weißen Stein aus dem Lederbeutel und sahen Rosella. Eines Tages werden wir ein neues rosa Land erschaffen haben und es Rosella zeigen.”

Große Dankbarkeit im kleinen Herzlein

Rosella kullerten während dem Lesen immer wieder einige Tränen die Wangen runter. Als sie fertig war, legte sie sich flach auf die Wiese und schloss die Augen. So traurig diese Geschichte war, sie spürte eine riesige Dankbarkeit in ihrem kleinen Herzlein. Sie fühlte sich so verbunden mit ihren rosa Eltern, mit dem wunderschönen rosa Land. Es zog eine friedliche Stimmung in ihr ein, endlich kannte sie ihre Geschichte, wusste, dass sie wunderbare rosa Eltern hatte, die sie aus ganz viel Liebe hier aufwachsen ließen, hier bei ihren beiden Geschwistern, hier bei zwei Menschen, die sie auch so sehr liebten. Sie hatte eine große liebende Familie um sich.

Rosella nahm sich vor, die nächsten Tage nochmal zu dem alten weisen Mann zu gehen. Lange war sie nicht mehr dagewesen. Sie wollte ihm danken für seine Hilfe. Ja und vielleicht lässt sie sich irgendwann, wenn sie größer ist, den Weg in das neue rosa Land zeigen. Doch nun ist sie so erfüllt von all den Ereignissen und schläft mit einem Lächeln unter dem Apfelbaum ein.

P.S. Die Bilder sind von meiner Enkelin Tami gemalt.

Herzliche Grüße

Marianne

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